Politik ­ 20.6.2015

PROJEKT SORGT FÜR ZÜNDSTOFF

„KoZe“ im Münzviertel: Anarcho­Zentrum oder Kuschel­
Club?

Von Sandra Schäfer

Gängeviertel, Esso­Häuser, Rote Flora. Gerade ist es der SPD gelungen, große
Konfliktfelder in der Stadt zu befrieden, da ist das nächste Haus besetzt.
Diesmal am Hauptbahnhof. Und wieder geht es um Kritik an einem großen
Bauprojekt. Die MOPO erklärt das Kollektive Zentrum („KoZe“) im Münzviertel.

Besetzt oder gemietet? Beides. Ursprünglich haben im September 2014 Stadtteil­
Initiativen das Erdgeschoss der damals leerstehenden Kita im Münzviertel von der
Stadt gemietet. Zunächst sind die Einkaufs­Kooperative „Tante Münze“ und eine
Fahrrad­Werkstatt eingezogen. „Doch dann haben so viele weitere Initiativen
angefragt, dass der Platz eng wurde“, so ein Sprecher des „KoZe“, wie sich der nun
gegründete Verein abkürzt.

Der Platz reichte schnell nicht mehr, es wurde versucht, das gesamte Gebäude zu mieten. Da die Liegenschaft auf die Anfragen
nicht reagiert habe, wurden kurzerhand Tatsachen geschaffen und das gesamte Gebäude „genutzt“. Initiativen und
Finanzbehörde verhandeln derzeit über einen neuen Mietvertrag.

Alles Linksradikale? „Das ist doch Unsinn“, sagt Günter Westphal (71). Der Künstler ist eine der führenden Kräfte im
Quartiersbeirat Münzviertel und steht absolut nicht im Verdacht, ein Autonomer zu sein. Sein Kunstverein hat den Mietvertrag
für die Initiativen unterschrieben. „Das sind alles Aktive aus dem Quartier und wir lassen uns hier nicht spalten.“ Es sei doch
absolut sinnvoll, Leerstände zu nutzen, bis gebaut werde. Laut Verfassungsschutz sind unter den vielen Gruppen im „KoZe“
auch „linksextremistische Gruppierungen“.

Droht ein neuer Häuserkampf? Bisher haben die Initiativen laut ihren Sprechern im Plenum abgestimmt, dass sie die Kita
verlassen, wenn auf dem Gelände gebaut wird und der Mietvertrag endet. „Wir gehen aber nicht, wenn wir viel früher schon unter
fadenscheinigen Gründen rausgeworfen werden.“ Allerdings können sich Stimmungen und Machtverhältnisse im Plenum schnell
ändern, insbesondere wenn die Fronten mit der Stadt sich verhärten.

Die CDU jedenfalls hat das „KoZe“ bereits als lohnenswertes Thema erkannt und feuert die Diskussion mächtig an. „Es ist
atemberaubend, wie der Senat zuschaut, wie sich ein weiteres linksautonomes Zentrum entwickelt, an dessen Ende mit großer
Sicherheit alle Probleme stehen, die wir bereits mit der Roten Flora haben“, so der CDU­Bürgerschaftsabgeordnete und
Polizeigewerkschafts­Chef Joachim Lenders.

Was soll auf dem Gelände in Zukunft passieren? Das Unternehmen HBK (Hanseatische Baukonzept) will dort neu bauen.
Geplant sind 400 Wohnungen, 60 Prozent Sozialwohnungen. Zielgruppe sind Senioren, Studierende, Azubis und Zwei­ bis Vier­
Personen­Haushalte. Schulkomplex und Kita sollen dafür abgerissen werden. Stehen bleibt nur das alte Schulgebäude. Dort
sollen im Erdgeschoss auch die beiden zentralen Initiativen des „KoZe“ (Tante Münze, Fahrrad­Werkstatt) Räume bekommen.

Der Bezirk geht davon aus, dass es noch in diesem Jahr eine Baugenehmigung gibt. Die Initiativen im „KoZe“ lehnen die Pläne

Vermummt und mit wehenden Fahnen im Baum:

Als vor einigen Tagen Finanzbehörde und

Investor zur Begehung des „KoZe“ kamen,

wurden sie fantasievoll begrüßt.

Foto: JOTO

ab. Sie wollen das alte Schulgebäude von der Stadt in Erbpacht übernehmen und selbst gestalten und verwalten.

Artikel URL: 

http://www.mopo.de/politik/projekt­sorgt­fuer­zuendstoff­­­koze­­im­muenzviertel­­anarcho­zentrum­oder­kuschel­

club­,5067150,30997976.html

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