Freital ist gar nicht so weit (16.07.15) 

 

Am  Freitag,  dem  10.07.  wurde  in  Jenfeld,  Hamburg,  ein  Flüchtlingscamp  errichtet, 
organisiert  vom  DRK  und  dem  THW.  Gegen  16.00  Uhr  wurde  auch  vom  kollektiven 

Zentrum aus an den Ort des Geschehens mobilisiert, weil ein Anwohner_innenmob sich 

den Aufbauarbeiten  in  den  Weg  stellten,  am  Zaun  schüttelnd  und  pöbelnd  gegen  den 
Aufbau von etwa 50 Großzelten vorgingen. 

 

Keine Argumente aber viel Wut 

Die  Anwohner_innen  waren  nicht  über  das  Camp  informiert  worden  und  die  hier  in 

Erscheinung  tretenden  reagierten  zum  Teil  sehr  aggressiv.  Ein  Spaziergang  um  das 
entsprechende  Gelände  offenbart  mensch  alles,  was  an  deutschen  Ressentiments, 

Vorurteilen  und  AÄngsten  zu  bieten  ist.  Von  „meine  Nachbarin  kann  ihre  Kinder  nicht 

ernähren und die Flüchtlinge bekommen alles, was sie haben wollen“, über „ich habe so 

viele Wertsachen in meinem Haus, wie soll ich die denn jetzt schützen?“ bis hin zu „egal 

wo man hingeht, überall machen die alles kaputt, klauen und passen hier einfach nicht 

rein“. Ein erschreckendes Konglomerat, in bloßer Wut jedem entgegengehustet, der es 
hören will oder auch nicht. Was man daran erkennen kann, ist nicht nur offener Rassismus 

sondern  auch  eine  ebenso  dumpfe  wie  gefährliche  Kanalisierung  der eigenen sozialen 

Misere gegen Unbeteiligte – in diesem Fall die Geflüchteten. Es ist davon auszugehen, dass 
die Hamburger Stadtpolitiker_innen entweder noch dümmer sind als angenommen oder 

bewusst eine solche gesellschaftliche Eskalation herausgefordert haben und nun durch 
bürgerliche  Medien  anheizen  lassen.  Im  Vorfeld  informierten  sie  nicht  die 

Anwohner_innen  und  leisten  keine  Aufklärung.  Deren  Zusammenrottung  sucht  nach 

Handlungsoptionen  und  ist  deshalb  offener  denn  je  gegenüber  organisierten 
Nazistrukturen. 

 

Gefahr für die Geflüchteten 

Damit  ist  schon  fast  jede  Chance  vertan,  die  Empörung  der  Anwohner_innen über  die 

Errichtung des Camps und die Fassungslosigkeit über die Errichtung von ganz und gar 
unmenschlichen Flüchtlingslagern in ganz Hamburg, zurück an die Verantwortlichen in 
Bezirkspolitik  und  Senat  zu  tragen.  Denn  sicher  ist,  dass  Massenunterbringungen  in 

 

Zelten  absolut  keinen  Lösungsansatz  darstellen,  sondern  eher  einen  viel  zu  späten 
Versuch, an der seit Jahren vernachlässigten Flüchtlingspolitik herumzudoktern. Statt die 

kurzfristige  Unterbringung  zu  akzeptieren  sind  die  am  Zeltlager  anwesenden 

Jenfelder_innen schon längst bei massiven Drohungen gelandet: „dieses Camp wird hier 
nicht lange stehen, hier wird keiner wohnen, dessen könnt ihr euch mal sicher sein. Da 

gibt es verschiedene Mittel und Wege.“ 

 

Flüchtlingscamps und Leerstand 

Wir, Nutzer_innen des koZe, können es nicht fassen, dass über 800 Menschen allein in 
Jenfeld  in  Zelten  untergebracht  werden  sollen,  während  die  Stadt  nach  wie  vor  in 

strategischem Leerstand versinkt. Allein in dem Schulgebäude um uns herum könnten 

viele Menschen Platz finden, denn die Schulräume stehen leer – hätte die Stadt nicht mehr 
Interesse daran, mit der Privatisierung ein bisschen schnelle Kohle zu machen. Es ist die 

Aufgabe aller hier Lebenden, solidarisch mit anderen Menschen umzugehen, aber es ist 
die Verantwortung der Stadt, den Schaden, den sie mit jahrelanger Privatisierung ihres 
Grundbesitzes  gemacht  hat,  nun  auszubaden.  Vielleicht  ist  es  endlich  an  der  Zeit 

aufzuwachen: Hallo Hamburg, hier ist genug Platz, hier ist genug Leerstand und hier ist 
genug öffentlicher (also unser aller) Besitz, der hier endlich mal zum Einsatz kommen 

müsste. Eure fehlgeleitete Wohnungspolitik der letzten Jahre ist aufgeflogen und deren 

alternative sowie selbstinitiierte Nutzung ist auch mit engstirnigen „auf dem linken Auge 
blind“  –  CDU  –  Gelaber  nicht  mehr  so  leicht  zu  kriminalisieren  in  Anbetracht  der 

staatlichen Verantwortungslosigkeit. 

 

Braun macht sich breit 

Wie wir in den letzten Wochen feststellen mussten, trauen sich mehr und mehr Nazis auch 
nach  Hammerbrook.  Sei  es,  um  die  SPD  –  Zentrale  zu  besetzen  oder  demonstrativ  an 
unseren Zaun zu pinkeln. Auch und gerade im Vorfeld des 12.09.: Seid aufmerksam, übt 

euch  in  euren  Argumenten  und  seid  auf  Begegnungen  vorbereitet.  Denn  Jenfeld  zeigt: 
Momentan  ist  alles  möglich,  die  Wahrscheinlichkeit,  dass  es  nicht  bei  wüsten 

Beschimpfungen aus fahrenden Autos heraus oder bloßen Drohungen bleibt, ist hoch. 

 

Antifa heißt Angriff 

Antifaschistische Arbeit vor allem in Ecken wie Jenfeld ist nicht leicht und auch am Freitag 

 

war viel Hilflosigkeit in den Gesichtern zu erkennen. Zwar ist es ein schönes Signal in 
Richtung des lokalen Deutschmobs, ein paar Feldbetten mit aufzubauen, doch worum es 

uns  hier  gehen  muss,  ist,  nationalsozialistischer  Argumentation  und  verbrecherischer 

Gewaltphantasien  solidarische  Empathie  und  selbst-organisierte  Verbesserung  des 
eigenen Lebens entgegenzusetzen. Denn bei aller Hilfbereitschaft antirassistischer und 

antifaschistischer  Aktivist_innen  sollte  nicht  unreflektiert  beim  Aufbau  von  scheiß 
Zeltcamps geholfen werden. Das DRK gibt Daten Geflüchteter an Bullen und Behörden 

weiter, die Bullen haben Zugang zum Gelände und Lager sind kein Konzept der gelebten 

Solidarität  linksradikaler  Lebensentwürfe  und  entpolitisiert  den  Konflikt  um  einen 
menschenwürdigen Umgang mit Geflüchteten. 

 

Die Stadt wird die Probleme nicht lösen sondern ist Teil dessen, somit lasst uns 
weiter intervenieren – Solidarisch, radikal und langfristig.