Vorwort

Anfang der 90er Jahre reihten sich bundesweit Brandanschläge und An- und Übergriffe auf Menschen mit
einem sogenannten Migrationshintergrund aneinander. Der Brandanschlag von Solingen, bei dem fünf
Menschen starben, wurde – wie Rostock-Lichtenhagen – zum Synonym für neonazistische Gewalt im
Kontext der politischen und gesellschaftlichen Stimmungslage. Von Politik und Presse wurden Vorurteile
geschürt   und   der   angebliche   „Asylmissbrauch“   und   die   vermeintliche   „Überfremdung“   prägten   die
Diskussionen, welche in der faktischen Abschaffung des Grundrechtes auf Asyl gipfelten.

Die rassistische Stimmung wurde durch Überflutungs-Metaphern und „das Boot ist voll“-Schlagzeilen von
Politik  und Medien  angeheizt. Neonazis sahen sich  in dieser  Stimmung lediglich als Vollstrecker  des
vermeintlichen oder tatsächlichen „Volkswillen“. Da ihr Handeln kaum unterbunden oder sanktioniert wurde,
wuchs deren Selbstbewusstsein. Der deutsche Mob tat sein übriges, indem er die Neonazis anfeuerte oder
gleich selbst mitmachte.

Zu dieser Zeit ließ sich beobachten, was auch heute noch in Studien immer wieder herausgearbeitet wird:
der   Rassismus   wurzelt   in   der   Mitte   der   Gesellschaft   und   solange   dies   nicht   erkannt,   hinterfragt   und
bekämpft wird, werden Neonazis immer Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft finden.

So waren es auch damals rassistische Stereotype gepaart mit der medialen und politischen Hetze, die einen
Nährboden generierten, auf dem neonazistische Gewalttaten kaum verurteilt werden konnten. Demnach war
das Entsetzen über diese Taten meist nur von Lippenbekenntnissen und Phrasen geprägt, eine ernsthafte
Auseinandersetzung fand nie statt.

Der Text wurde ursprünglich von der Antifaschistischen Kampagne „Wälder Wiesen Neonazis“ für eine Dokumentation über die Neonazistischen Strukturen im Lumdatal 
veröffentlicht. Dankenswerterweise erlaubt uns die Kampagne den Text für diese Veröffentlichung zu nutzen.

Schmiererei auf dem jüdischen Friedhof in 
Hungen im September 1992

Januar 1990: Brandanschlag auf einen Zirkuswagen in Giessen

 

Am 23. Januar wurde ein Brandanschlag auf einen Zirkuswagen in Giessen verübt. Ein paar Tage zuvor wurden
bereits antiziganistische Sprühereien sowie ein Hakenkreuz hinterlassen. 

„Unbekannte Täter warfen am Dienstag gegen 2.45 Uhr eine mit Benzin gefüllte Colaflasche, aus deren Hals
eine Herrensocke als Lunte ragte, durch eine Scheibe eines Wohnwagens, der zu dem kleinen Zirkus Rodeo
gehörte. Der hat seit November auf dem Parkplatz neben der Hessenhalle sein Winterquartier bezogen. Die
Colaflasche zersplitterte, das Benzin verteilte sich über den Teppichboden, doch der Strumpf als Lunte brannte
nicht. Da warfen die Attentäter rasch Streichhölzer durchs Fenster, die aufsteigenden Benzindämpfe und der
Teppich entzündeten sich, der Zirkuswagen brannte im Nu lichterloh.“ (GiAll.) 

In dem Zirkuswagen, der als Schlafraum diente, war zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise niemand. Erst war
eine Explosion zu hören,gleich darauf schlugen die Flammen aus dem Wohnwagen. Der Zirkusdirektor sah kurz
darauf drei junge Männer weglaufen. Bereits am 9. Januar war der Zirkus Ziel eines Anschlags geworden,
mehrere Wagen waren mit Hakenkreuzen und zudem »Zigeuner raus« besprüht worden.

März 1991: Terror gegen Geflüchtete in Biebertal-Fellingshausen

Bereits am 20. Februar 1991 wurden zwei Bewohner einer Gemeinschaftsunterkunft in Fellingshausen mit Knüppeln und Messern bedroht, im Anschluss
wurden sie von zwei Männern bis in den Hausflur der Unterkunft verfolgt. Die abschließend drohten: „Wir kommen wieder“.

Die Drohung machten sie scheinbar wahr. Denn in der Nacht zum 14. März sowie der zum 18. März 1991 wurden die Fensterscheiben der Unterkunft in einer
ehemaligen Zigarrenfabrik eingeschlagen. In dem Zimmer lebte eine Mutter mit drei Kindern. Alle blieben glücklicherweise körperlich unversehrt.

Oktober 1991: Überfall in Reinhardshein, Schmierereien in Reiskirchen und Angriff in Mücke-Atzenhain

In der Nächten vom 4. bis 6. Oktober 1991 kam es zu drei Angriffen in Mittelhessen:

In der Nacht zum 5. Oktober 1991 drangen Neonazis in die Unterkunft für Geflüchtete in der Dienbergstraße in Reinhardshein ein. Dort lebten 90 Menschen.
Diese wurden mit Tränengas angegriffen, wobei ein Bewohner leicht verletzt wurde. Zudem wurden Fassade und Hausflur mit rechtsradikalen Parolen und
Hakenkreuzen beschmiert.

In der folgenden Nacht (zum 6. Oktober) wurde die Fassade
einer   weiteren   Unterkunft   in   Reiskirchen   ebenfalls   mit
Hakenkreuzen beschmiert. In der gleichen Nacht wurden in
Mücke-Atzenhain   zwei   Molotov-Cocktails   auf   die   dortige
Unterkunft für Geflüchtete geworfen. Glücklicherweise wurde
dies von den Bewohner_innen rasch bemerkt, sodass die
Brände   gelöscht   werden   konnten,   bevor   ernsthafter
Sachschaden entstand. Die Tat wurde von zwei Jugendlichen
begangen, die unerkannt auf Mofas entkommen konnten.
Bis zum 8. Oktober gab es laut Presse keine Hinweise zu
den   Täter_innen   der   drei   Angriffe.   Es   wurde   lediglich
bekannt,   dass   bei   dem  Angriff   in   Reinhardshain   15    20
rechtsradikale   Skinheads   in   das   Haus   eindrangen.   Als
Konsequenz wurden die Asylbewerber-Unterkünfte sowie die
Erstaufnahmestelle   nachts   vermehrt   von   der   Polizei
befahren.
Zudem   wurde   vor   Ort   ein   Aktionsbündnis   gegen   die
fremdenfeindliche   und   rassistische   Stimmung   von   in   der
Umgebung wohnenden Bürger_innen gegründet. Wegen des
Verdachtes auf ein Treffen von Skinheads und eines statt
findenden Stadtfestes bewachten am Wochenende vom 12.
und   13.   Oktober   1991   Bürger_innen   die   Unterkunft   für
Geflüchtete.

Oktober 1991: Brandsätze gegen Unterkunft in Biebertal

Am 7. Oktober 1991 wurden zwei Brandsätze auf eine Unterkunft für Geflüchtete in Biebertal-Fellingshausen geworfen. Die Gemeinschaftsunterkunft wurde
von   mehreren   kurdischen   Familien   bewohnt.   Das   Tatmotiv   der   Beschuldigten:   Ausländerhaß.   »Die   Bewohner   sollten«,   so   formuliert   es   einer   der
Beschuldigten, »wie in anderen Ausländer-Unterkünften in West- und Ostdeutschland in Angst und Schrecken versetzt werden.« Zwar soll es zu dieser Zeit
keine offenen rassistische Hetze gegen die Bewohner gegeben haben, die auch im Ort Teil des Dorflebens waren. Vereinzelt kam es jedoch zu Übergriffen: So
gab es vorher schon Steinwürfe und einer der Bewohner wurde zusammengeschlagen. Im Folgenden solidarisierten sich viele Menschen und organisierten
nach dem Anschlag (Nacht-)Wachen. Die beiden Täter wurde damals zufällig gefasst. Sie hatten, während die Fahndung auf Hochtouren lief, mit dem Pkw
des 19jährigen zwischen Fellingshausen und Bieber ein entgegenkommendes Auto gerammt. 

Einer der damals aktiven Neonazis – Sascha Graf – war schon Anfang der 90er 
Jahre kein unbeschriebenes Blatt mehr in der militanten Naziszene. Im Alter 
von 18 Jahren hatte er Kontakte zur FAP (Freiheitliche Arbeiterpartei) und auch 
zur NF (Nationalistische Front) – beides neofaschistische Organisationen, die 
Mitte der 90er Jahre verboten wurden. Zu dieser Zeit bezeichnete er sich als 
“Ortsgruppenführer” einer Gruppe von rund einem Dutzend Grünberger 
Naziskinheads. Im Januar 1993 wurde er wegen eines gewalttätigen 
Übergriffes auf Flüchtlinge in Atzenhain bei Grünberg verurteilt. Einige weitere 
Gewalttaten mit neonazistischem Hintergrund folgten. 
Sein Werdegang in der Neonaziszene ging unvermittelt weiter. So betrieb er 
zusammen mit seiner langjährigen Freundin Yvonne Leipert den Online 
Versandhandel sleipnir shop.de. Der “Shop” war als Versandhandel und 
Einzelhandel mit Bekleidung und Freizeitbedarf seit 2000 beim Gewerbeamt 
der Stadt Grünberg angemeldet. 2001 wurde das Gewerbe auf Verkauf und 
Versand von Tonträgern erweitert. Hier gab es alles für das rechte Klientel. Von 
Nazimusik über Elektroschocker bis hin zu Nachtsichtgeräten, 
Schreckschusswaffen und Bekleidung mit eindeutigen Aufdrucken. 2001 wurde 
dieser Versand im Verfassungsschutzbericht des Landes Hessen als einer der 
drei “Szene  Läden” in Hessen erwähnt. Auch verkehrte Graf regelmäßig in den 
Räumlichkeiten der Kameradschaft “Berserker Kirtorf” und soll am Aufbau der 
Kirtorfer Strukturen maßgeblich beteiligt gewesen sein.

April 1992: Brandanschlag in Hungen-Inheiden

 

In der Nacht auf den 2. April wurde eine mit Benzin befüllte und angezündete Bierflasche in ein Wohnhaus in der Seestraße in Hungen-Inheiden geworfen. In
dem Haus waren zu diesem Zeitpunkt 35 Geflüchtete untergebracht. Zur Zeit des Anschlages schliefen alle Bewohner_innen des Hauses, sodass sich
niemand im Wohnzimmer aufhielt, in welches die Flasche geworfen wurde. Durch den Lärm der zerberstenden Scheibe und Bierflasche erwachten einige
Bewohner_innen und der Brand konnte gelöscht werden. Es kam zu einem erheblichen Sachschaden.

Am   7.   Januar   1993   wurden   in  Hungen   bei   8   mutmaßlichen   Neonazis  Hausdurchsuchungen   durchgeführt,   nachdem   sich   im   Vorfeld   rassistische   und
fremdenfeindliche Straftaten in Hungen gehäuft hatten. Zudem waren Hinweise der Bevölkerung über eine Gruppe mit einheitlichem Auftreten in Bomberjacke,
Springerstiefeln und mit kurzgeschorenen Haaren eingegangen. Die Mutmaßlichen Neonazis waren im Alter zwischen 14 und 21 Jahren. Bis auf die beiden
ältesten, die arbeitslos bzw. ein Soldat waren, handelte es sich um Schüler. Bei den Durchsuchungen wurde Propagandamaterial rechtsradikaler Parteien und
Verbände gefunden (u.a. der verbotenen Nationalen Front) sowie Krähenfüße und Wurfsterne. Ihnen wird u.a. der Brandanschlag vom April 1992 in Inheiden
vorgeworfen. Alle Betroffenen wurden vorläufig festgenommen.

November 1992: Hungen Schüsse auf Unterkunft für Geflüchtete 

Auf die Unterkunft für Geflüchtete im ehemaligen Hotel “Quellenhof” in der Gießener Straße in
Hungen   wurden   in   der   Nacht   zum   18.   November   Schüsse   mit   Projektilen   des   Kalibers   22
abgefeuert.   Die   ca.   60   Bewohner_innen   konnten   nachts   den   Lärm   der   Schüsse   sowie   das
Quietschen der Reifen des wegfahrenden Autos nicht zuordnen. Erst am nächsten Tag wurden
zwei   Einschüsse,   die   eine   doppeltverglaste   Scheibe   zu   einem   Lagerraum   zum   zerbersten
brachten,   ein   Einschuss   im   Bereich   der   Eingangstür   sowie   zwei   weitere   Einschusslöcher   in
Fenstern entdeckt. Im Dezember wurden für den Anschlag ein 19- und ein 31jähriger in U-Haft
genommen.   “Die   für  die   Schüsse   auf   das Asylbewerber-Wohnheim   benutzte   Waffe   hatte   der
31jährige bei einem Einbruch erbeutet. Tatmotiv des 19jährigen laut Staatsanwalt Joachim Müller:
“Haß auf Ausländer”. Der Staatsanwalt dazu gestern: “Er legte ein Geständnis ab, gab die fünf
Schüsse zu” In seinem Zimmer fanden die Fahnder [...] Beweismaterial für ihre These, daß dieser
Arbeitslose   rechtsradikalen   Gruppen   zuzuordnen   ist:   Schriften,   Flugblätter   und   Plakate
rechtsradikaler Parteien und Organisationen.” 
Bei dem 31jährigen, der die Waffe zur Verfügung stellte, wird eher ein kriminelles Motiv vermutet, jedoch habe er Kontakte zu Rechtsradikalen gepflegt. Die
Tat fand nach einem Diskothek-Besuch statt. Im gleichen Zeitraum tauchten mehrfach Flugblätter mit offen ausländerfeindlichem Inhalt im Landkreis Gießen
auf. Diese wurden in hoher Zahl in Briefkästen verteilt. 

Oktober 1994: Brandanschlag auf Geflüchtete in Buseck-Oppenrod 

In der Nacht auf den 8. Oktober wurde ein Brandsatz auf ein von Geflüchteten bewohntes Haus geworfen. Die Hetze gegenüber den Bewohnern wurde zu
diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren forciert. Eine „Anwohner-Interessengemeinschaft“ versuchte schon länger die Geflüchteten aus der Gegend zu
vertreiben. Eine Busecker Anwohnerin beschwerte sich schließlich in einem Leserinnenbrief darüber, dass Probleme mit Jugendlichen verallgemeinert und auf
die Geflüchteten projiziert werden, des Weiteren resümierte sie: 

„...gab es in der Busecker Großgemeinde bereits den ersten Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft (kürzlich in Oppenrod). Merkwürdigerweise hat
nach unserem Eindruck diese Todesdrohung für Menschen, die in unserem Land Schutz suchen, weitaus weniger Empörung ausgelöst als der gewiß sehr
ärgerliche Obstklau durch einige Jugendliche. Wir rufen daher alle Einwohner unserer Gemeinde auf, besonders die, die politische Verantwortung tragen, sich
nicht zu verallgemeinernden Urteilen oder gar Schuldzuweisungen verleiten zu lassen.“

Des Weiteren soll bereits 1991 ein Brandanschlag auf ein Haus verübt worden sein, welches gekauft wurde um dort Geflüchtete unterzubringen. In das Auto
der Person, die das Keglerheim gekauft hatte, wurde ein Brandsatz geworfen. Wenige Tage später wurde in dem Keglerheim Feuer gelegt. Der Sachschaden
belief sich auf ca. 100.000 DM.

Juni 1995: Schüsse auf Geflüchtete

Am Abend des 30. Juni 1995 kam es zu einem Angriff auf Geflüchtete in Buseck, Ortsteil Alten-Buseck. Eine 49jährige Lehrerin fühlte sich durch Flüchtlinge,
welche sich vor deren Wohnheim unterhielten, belästigt. Erst beschimpfte sie die Menschen, dann schoss sie mit einer Schreckschusspistole. Eine Frau, zwei
Kinder und zwei Männer wurden dadurch verletzt. Sie rechtfertigte ihre Tat damit, dass sie schon seit längerem von verschiedenen Nachbarn durch zu starken
Lärm belästigt worden sei. 

November 1995: Brandanschlag in Pohlheim

 

Am 12. November legte eine 32-jährige Frau aus Pohlheim Feuer an einem von Geflüchteten bewohnten Haus in Polheim, Ortsteil WatzenbornSteinberg.
Anwohner bemerkten den Brand und löschten die Flammen. Zu diesem Zeitpunkt lief eine mehrmonatige Kampagne gegen die vor Ort lebenden Geflüchtete.
Teil derer war der lokale SPDler Philipp, der zu einem Rundumschlag ausholte. Seine Stellungnahme wurde von der Bevölkerung positiv aufgenommen. Und
so verwundert es nicht, dass die Täterin „ohne von ausländerfeindlichen Motiven geleitet zu sein“, trotzdem das Haus der Geflüchteten wählte, um die
„Verzweiflung über ihre persönlichen Lebensumständen“ zu kompensieren. 

Neben den oben aufgeführten Anschlägen und Angriffen wurde in den 90ern auch über weitere rassistische Situationen und Angriffe berichtet: 
Im Januar 1991 schrieb die GAZ über einen Taxifahrer, der von einem in der EAE lebenden Menschen einen viel zu hohen Fahrpreis verlangte und ihn nicht 
beförderte, da dieser nur den üblichen Preis hätte bezahlen können. 
Im Mai 1994 schoss ein 18jähriger in Pohlheim-Grüningen, mit einer Gaspistole auf die Fensterscheiben einer Unterkunft, die von Geflüchtete bewohnt wurde.
1999 wurde über gehäufte Angriffe in Giessen von vermummten Nazis mit Baseball-Schlägern auf Jugendliche mit „dunkler Hautfarbe“ berichtet. 
In der Nacht auf den 6. Juni 1999 wurden Mülltonnen vor einem Haus in der Giessener Innenstadt, in dem über wiegend “Ausländer” lebten, angezündet.
Durch schnelles Benachrichtigen der Feuerwehr konnte der Brand gelöscht werden, bevor dieser auf das Haus überging. Zuvor wurden an das Haus
Hakenkreuze gesprüht. In der gleichen Nacht kam es in der Region in mindesten zwei weiteren Häusern, die ebenfalls überwiegend von “Ausländern”
bewohnt waren, ebenfalls zu Bränden.

Diese Auflistung erhebt keinen Anspruch vollständig zu sein. Die Anschläge und Übergriffe sollen deutlich machen, dass es sowohl organisierte Neonazis als
auch Personen der sogenannten Mitte der Gesellschaft waren, die ihrem rassistischen Weltbild freien Lauf ließen. Sie zeigt auf, dass schon damals
Rassismus ein gesamtgesellschaftliches Problem war, dass sich aufgrund des Fokus auf Geflüchtete entladen hat. Die Anschläge wurden weniger. Das
Weltbild blieb. 

“Heute dreschen sie noch Stammtischparolen, 
doch morgen haben sie Sprengstoff und scharfe Pistolen“

Die Anschläge und Übergriffe der 90er Jahre ebbten ab, der Rassismus und die
Feindseligkeit   gegenüber   Fremden   oder  Andersartigkeit   waren   dadurch   nicht
verschwunden.   An   Stammtischen,   Kirmesveranstaltungen   oder   zu
Fußballweltmeisterschaften   zeigte   sich   weiterhin   das   nationalistische   und
rassistische Potential. Erst durch vermehrte Flucht und das erneute Aufkommen
des   Themas   „Zuwanderung“   wurde   deutlich,   dass   dieses   Potential   stets
vorhanden war und ist.

Die An- und Übergriffe der 90er Jahre zeigen einerseits auf, dass es ein zutiefst
rassistisches   Meinungsbild   in   der   Deutschen   Gesellschaft   gibt   und   Menschen
bereit sind aus diesem Taten folgen zu lasse. Zudem wurden Menschen in dieser
Zeit und durch die Ereignisse der 90er Jahre sozialisiert. So waren es nicht zuletzt
die drei Neonazis aus der Kernzelle des NSU, die zu dieser Zeit und durch diese
Taten politisiert wurden.

Demnach lässt sich hierbei sehen, dass viele der Menschen nicht erst jetzt diese Meinungsbilder entwickeln und deswegen mit PEGIDA, der AFD
oder anderen Rassist_innen auf die Straße gehen. Vielmehr wurden die vorhandenen Ängste und Vorurteile genutzt, um wieder vermehrt zu
agitieren und zu mobilisieren.

 Verschwörungsideologisch-rassistische Parole in der Neustadt 

Hieraus entstand in den vergangenen Monaten ein vermehrter Aktionismus, auch
in   Giessen.   Einerseits   bewegt   sich   dieser   im   virtuellen   Raum:   durch
Facebookgruppen wie „Giessen erwacht“ oder die einer Bürgerwehr bekräftigen
sich Menschen gegenseitig in ihrem Weltbild. Die dabei geteilten Artikel und
Nachrichten   sind   meist   rassistisch   aufgeladen   oder   werden   aus   diesem
Blickwinkel   interpretiert   und   kommentiert.   So   sind   es  Artikel   von   Seiten   wie
Netzplanet oder des Kopp-Verlags, die viel Zuspruch finden. Andererseits zeigt
sich der Aktionismus im öffentlichen Raum; Antirassistische Aufkleber werden
systematisch   unkenntlich   gemacht,   Sprühereien   mit   neonazistischen,
rassistischen   oder   verschwörungsideologischen   Inhalt   tauchen   vermehrt   im
Stadtbild auf. Dabei ist herauszuheben, dass an eine Gemeinschaftsunterkunft
für unbegleitete minderjährige Geflüchtete rassistische Parolen gesprüht wurden.
Auch an einer Gemeinschaftsunterkunft in der Neustadt wurde eine Sprüherei mit
rassistischen Inhalt hinterlassen: „Refugees go Home“.

Angefeuert werden solche Taten durch die Art und Weise wie die Diskussion über  

.

Flucht und Geflüchtete geführt wird. Ähnlich wie in den 90er Jahren dürften sich 

.

Täter_innen als Vollstrecker eines „Volkswillen“ fühlen.  In eben diese Stoßrichtung
gingen die Diskussionen rund um die Ereignisse an Silvester, vor allem in Köln. In der Diskussion über Sexismus und sexualisierte Gewalt in der
Gesellschaft wurden diese hierbei lediglich auf Geflüchtete projiziert. Dass die Täter aber vor allem ein gemeinsames Merkmal haben, dass diese
Männer sind und dass es täglich, auch und vor allem in der Familie zu sexualisierter Gewalt kommt, wurde nicht thematisiert. Schuldzuweisungen
von deutschen Männern gegenüber Geflüchteten werden damit vollends unglaubwürdig, da diese sich nicht mit gesamtgesellschaftlichen Sexismus
auseinandersetzen, sondern diesen noch bestätigen in dem sie „ihre Frauen“ vor „denen“, aber nicht vor sich selbst, schützen wollen.

Es wäre bitter notwendig rassistische, sexistische und andere ausschließende Weltbilder zu hinterfragen. Es reicht nicht aus sich von Positionen
und Organisationen aus dem rechten Spektrum loszusagen. Unreflektierte Sprache, Kategorisierung, Verallgemeinerung, die Zuschreibung von
Eigenschaften auf Grund der Herkunft oder Geschlecht sind Punkte, die zu einem Weltbild führen, welches nicht als tolerant und offen bezeichnet
werden kann. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln und Denken ist notwendig, um vorhandene Vorurteile abzubauen und Menschen
offen zu begegnen. 

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