Nummer 45

Samstag, 7. November 2015

Wochenend-JOURNAL

PANORAMA

Auf

Hip-Hop

-Mission

im

Krisengebiet

Zwei Freiburger Rapper touren eine Woche mit Band durch die Ukraine / Blumen auf dem Maidanplatz erinnern an Gefallene / Besuch stimmt nachdenklich – und euphorisch

n

Von Till Neumann

»Wir  überschreiten  Grenzen,

grenzenlos über Grenzen«, rap-

pen  zwei  Freiburger  Zwillings-

brüder  am  24.  Oktober  auf

einer Bühne im Zentrum Kiews.

Begleitet  werden  die  32-Jähri-

gen  von  einem  deutschen  Gi-

tarristen  und  zwei  Ukrainern:

Costa an den Drums und Sasha

am Piano. Die rund 300 ukrai-

nischen Zuschauer im Saal tan-

zen, singen und kreischen. Gän-

sehaut  pur.  Das  Verrückte  da-

ran:  Einer  der  beiden  Rapper

bin ich. Auch heute, zwei Wo-

chen  nach  dem  Auftritt,  krib-

belt es noch.

Das  Konzert  war  Abschluss

eines  in  vieler  Hinsicht  grenz-

überschreitenden 

Projekts.

Eine Woche war ich mit meiner

deutsch-französischen 

Hip-

Hop-Band Zweierpasch auf Uk-

raine-Tournee.  Auf  Einladung

des  Kiewer  Goethe-Instituts

und des dortigen Institut Fran-

çais.  Mit  unseren  zweisprachi-

gen Texten über Grenzen, Tole-

ranz  und  Flüchtlinge  waren

mein Zwillingsbruder Felix und

ich schon bis zum Bundespräsi-

denten Joachim Gauck und ins

westafrikanische  Mauretanien

eingeladen  worden.  Dass  es  in

die Ukraine gehen könnte, hät-

ten  wir  nicht  gedacht.  Sprach-

lich  und  persönlich  hatten  wir

bis  vor  ein  paar  Tagen  keinen

Bezug zu dem Land. 

Das  hat  sich  nun  komplett

geändert. In einer Woche habe

ich dort die drei größten Städte

bereist:  Kiew,  Charkow  und

Dnjepropetrowsk.  Wir  haben

drei  Konzerte  gespielt,  drei

Workshops  für  Schüler  gege-

ben und unglaublich viele Leu-

te  kennengelernt.  Von  der

französischen 

Botschafterin

über die bettelarme Großmut-

ter bis zum Maidan-Revolutio-

när,  der  an  vorderster  Front

mitprotestiert  hat.  Einige  sind

unsere Freunde geworden.

Der Krieg in der Ostukraine,

das  Zerren  um  die  Krim  und

vor  allem  die  Bilder  von  der

blutigen Maidan-Revolution im

Winter  2013/2014  hatten  wir

vor  der  Reise  im  Kopf.  Sollten

wir  die  Einladung  ablehnen?

Unsere  Eltern  hätten  aufgeat-

met.  Wir  nicht.  Auf  Hip-Hop-

Mission  in  der  Ukraine,  einem

gespaltenen Land zwischen Ost

und  West.  So  eine  Chance

kriegt  man  nicht  zweimal:  Au-

gen  zu  –  und  rein  ins  Aben-

teuer.

17.  Oktober.  Ankunft  in

Kiew. Schon die ersten Eindrü-

cke  sind  überwältigend:  Wir

sind im sowjetisch-charmanten

Hotel Kozatskiy direkt im Her-

zen der Stadt. Freier Blick vom

Balkon  auf  den  Maidanplatz.

Rot schimmern die Laternen im

Schatten  der  großen  Säule.  In

36  Meter  Höhe  thront  Erz-

engel  Michael,  der  Schutzpat-

ron der Stadt. Wo vor zwei Jah-

ren Menschen erschossen wur-

den,  spazieren  heute  andere

gemächlich über Pflastersteine.

Im Restaurant gibt’s

frittiertes Gemüse,

Fleischravioli und

Meerrettich-Vodka

Der  Leiter  des  Kiewer  Institut

Français weiht uns später in uk-

rainische  Spezialitäten  ein.  Im

Restaurant gibt’s frittiertes Ge-

müse, Fleischravioli und Meer-

rettich-Vodka. Später geht’s ins

Kulturzentrum  Partkom.  Dort

lernen  wir  die  zwei  ukraini-

schen Musiker kennen, die mit

uns auf Tournee gehen: Schlag-

zeuger  Costa  und  Pianospie-

lerin  Sasha.  Der  Empfang  ist

herzlich. Etwa 20 Mann sind in

den  drei  Räumen,  in  denen

während  der  Revolution  Ver-

wundete  gepflegt  wurden.  Es

wird  angestoßen,  gequatscht

und  musiziert.  Alle  sind  ge-

spannt,  was  die  kommenden

Tage passieren wird. Schließlich

sollen wir in drei Tagen ein ein-

stündiges  Konzert  vorbereiten

–  trotz  Sprachbarrieren.  Kann

das klappen? Auf dem nächtli-

chen  Heimweg  stehen  Panzer

und  bewaffnete  Soldaten  vor

einem  Gebäude.  Wir  sind  im

Krisengebiet, kein Zweifel.

Am  nächsten  Morgen  bietet

das  Frühstücksbuffet  einen

überraschenden 

Anblick:

Würste, Hähnchen, Kartoffelsa-

lat.  Es  gibt  aber  auch  Brot,

Müsli und Kuchen. Wir nehmen

Letzteres,  die  Ukrainer  am

Nachbartisch 

bevorzugen

Herzhaftes,  das  ist  hier  üblich.

Dann  erkunden  wir  den  Mai-

danplatz: An vielen Orten sind

Tafeln  mit  riesigen  Fotos  der

Revolution aufgestellt. Blumen

erinnern an Gefallene. Auf dem

zentralen  Podest  werden  zu

patriotischen  Liedern  Wahl-

kampfreden  gehalten.  Eine

Woche später wird Kommunal-

wahl sein. Kiews Bürgermeister

Vitali  Klitschko  will  wiederge-

wählt werden. 

Die  Proben  im  Partkom  mit

Costa  und  Sasha  klappen  er-

staunlich  gut.  Vollprofis.  An

diesem und den zwei darauffol-

genden  Tagen  schaffen  wir  es,

13  Songs  bühnenreif  zu  ma-

chen.  Wir  verstehen  nicht  im-

mer,  was  der  andere  auf  Eng-

lisch  sagt,  kommen  am  Ende

aber  zu  verblüffenden  Ergeb-

nissen.  Es  wird  geprobt,  ge-

scherzt und gelacht. Am zwei-

ten Abend feiern Felix und ich

Geburtstag.  Wir  stoßen  mit

Sekt  an.  Das  ukrainische  Bier

schmeckt ebenfalls.

Der Klub in

Dnjepropetrowsk heißt

Moulin Rouge. Das

Ambiente ist schwülstig

Tag vier, am Abend brechen wir

auf.  Tourneestart.  Es  geht  mit

dem Nachtzug Richtung Osten,

nach Charkow – keine 50 Kilo-

meter  entfernt  von  Russland.

Wir  schlafen  im  »Luxusabteil«

mit  zwei  Betten  pro  Kabine.

Unsere  Tour-Begleiterin  Lena

vom  Goethe-Institut  zeigt  mir

die  Standardkabinen.  Dort

schlafen  Menschen  dicht  an

dicht auf zwei Etagen. Die Luft

ist  dick,  die  Temperatur  hoch.

Der  Zug  hält,  eine  alte  Frau

steigt  ein.  Krummer  Rücken,

faltige  Haut,  rotes  Kopftuch.

Sie kann kaum gehen, soll aber

im  oberen  Stockbett  schlafen.

Ob wir tauschen können, fragt

sie.  Leider  können  wir  nicht

helfen.  »Viele  ukrainische

Rentner  sind  bitterarm«,  sagt

Lena.  »Sie  haben  kaum  Geld

zum  Leben.«  Acht  von  zehn

Rentern  in  der  Ukraine  lebten

2012  von  der  Mindestrente

über 81 Euro, schrieb »Spiegel

Online« vor zwei Jahren.

Am  Morgen  kommen  wir  in

Charkow an. Es ist eisig kalt, wir

sind müde. Im Hotel gibt’s eine

warme  Dusche.  Am  Mittag  ist

der erste Workshop. Mit 25 uk-

rainischen Schülern rappen wir

auf  Deutsch  und  Französisch.

Die  anfangs  recht  schüchterne

Gruppe taut in den 90 Minuten

auf.  Am  Ende  stelle  ich  fest,

dass  so  mancher  Teilnehmer

Deutschland  fast  so  gut  kennt

wie ich selbst. »Ich war in Ham-

burg, München, Erfurt, Magde-

burg,  Köln...«,  erzählt  mir  eine

Schülerin 

in 

fließendem

Deutsch. Ihre Augen leuchten.

Am  Abend  steigt  das  erste

Konzert.  Wir  treten  im  Jazz-

klub Pintagon auf. Alle sind ein

wenig  angespannt,  Premiere

eben.  Voll  ist  der  Saal  nicht,

aber die Stimmung ist gut – und

unsere  Performance  nicht  die

schlechteste. Zwei junge Ukrai-

ner bleiben im Anschluss noch

eine Stunde im Saal. Sie wollen

Autogramme,  Selfies  und

Unterschriften  auf  den  Arm.

Deutsch-französischer  Rap  be-

geistert  offenbar  auch  in  der

Ukraine.

Am  nächsten  Tag  fahren  wir

Richtung Süden nach Dnjepro-

petrowsk. Der Fahrer des Mini-

busses  ist  todmüde,  seine  rot

glänzenden  Augen  sind  kleine

Schlitze. Er ist in der Nacht von

der  Krim  hierher  gefahren,  er-

zählt  er.  Weite  Strecken  seien

aber normal, meistens fahre er

bis  Moskau,  beschwichtigt  er

uns.  Wir  kommen  unversehrt

ans Ziel.

In  Dnjepropetrowsk  spielen

wir  am  Abend  unser  zweites

Konzert. Der Klub heißt Moulin

Rouge.  Das  Ambiente  ist

schwülstig,  aber  cool.  Dieses

Mal  sind  mehr  Zuschauer  da,

die  kräftig  mittanzen.  Leider

streikt  die  Technik  ein  wenig.

Die  vielen  Selfie-Wünsche  der

Zuschauer  nach  dem  Konzert

zeigen aber, dass das kaum ge-

stört hat. Eine Dame der deut-

schen  Botschaft  gratuliert  uns

überschwenglich.  Wir  würden

mit den Ukrainern zusammen-

spielen, als sei das seit drei Jah-

ren so. Ich bin gerührt, ich füh-

le  es  ähnlich.  Bei  Burgern  und

ukrainischem  Bier  lassen  wir

den Abend ausklingen.

Am  nächsten  Tag  ist  Work-

shop.  Deutsch-  und  Franzö-

sischlerner  erklären  sich  dabei

gegenseitig ihre Fremdsprache.

Wir  beide  rappen  gemeinsam

auf  Deutsch  und  Französisch.

Jeder in der Sprache, die er seit

einigen Jahren lernt – und auch

ein  bisschen  in  einer  Sprache,

die er noch nie gesprochen hat.

Es funktioniert: faszinierend.

»Wir überschreiten

Grenzen, grenzenlos über

Grenzen«, rappen Felix

und ich

Am Abend fahren wir mit dem

Zug zurück nach Kiew. Irgend-

wie  fühlt  es  sich  an,  als  wären

wir wieder zu Hause. Wir sind

im gleichen Hotel am Maidan-

platz,  kennen  schon  ein  paar

Orte  und  Leute.  Kiew  ist  ein

bisschen Heimat geworden. Al-

le sind erschöpft von der Reise.

Wir gehen schlafen. Morgen ist

großes Finale.

Samstag,  24.  Oktober.  Den

Vormittag nutzen wir für einen

letzten  Stadtbummel.  An  Sou-

venirständen  gibt’s  Klopapier-

rollen  mit  Putins  Konterfei.

»Hier ist Krieg«, sagt Costa, der

bei  der  Maidan-Revolution  an

vorderster  Front  stand.  Im

Supermarkt  hat  man  die  Qual

der  Wahl  zwischen  unzähligen

Vodkas.  In  vielen  Straßen  ste-

hen  mobile  Kaffeewagen,  an

denen heiße Wachmacher in al-

len  Varianten  zubereitet  wer-

den. Im deutschen Vergleich ist

alles  spottbillig.  Eine  Flasche

Hochprozentiges kostet um die

zwei Euro. Ein Kaffee um die 50

Cent.  Mehrgängiges  Mittages-

sen  gibt’s  für  weniger  als  drei

Euro.

Am  Mittag  ist  unser  dritter

Workshop.  Rund  30  Schüler

lassen am Ende die Wände wa-

ckeln,  so  lautstark  machen  sie

mit.  Gleich  nebenan  ist  der

Konzertsaal  für  den  Abend.

Fast  400  Plätze,  eine  tolle 

Bühne. Viele Bekanntschaften

der vergangenen Tage haben

sich angekündigt, auch unse-

re Auftraggeber sind da. Um

20 Uhr ist der Saal gut gefüllt.

Etwa  300  Leute  sind  da.  Die

Stimmung hinter der Bühne ist

euphorisch:  Wir  fünf  Musiker

umarmen  uns,  bevor  wir  ins

Rampenlicht springen. Ab dem

ersten  Lied  ist  die  Stimmung

ausgelassen.  Die  jungen  Zu-

schauer  machen  in  den  hinte-

ren  Reihen  mächtig  Alarm.

»Wir  überschreiten  Grenzen,

grenzenlos über Grenzen«, rap-

pen  Felix  und  ich.  Die  Zeilen

passen wie die Faust aufs Auge.

Mit Costa und Sasha sind wir in

einer  Woche  zu  einer  Einheit

geworden, wir sind jetzt Freun-

de.  Nach  dem  letzten  Lied

stammele ich ergriffen: »Das ist

ein Traum, hier für euch spielen

zu  können.«  Es  war  ernst  ge-

meint, und das Gefühl ist auch

heute noch da – zwei Wochen

später. 

Nach  einer  durchfeierten

Nacht  geht  es  am  nächsten

Morgen  zum  Flughafen.  Unser

Gitarrist  Stefan,  Felix  und  ich

treten  schweren  Herzens  die

Heimreise  an.  Ukraine,  wir

kommen wieder!

Abschlusskonzert auf einer Bühne im Zentrum Kiews: Die rund 300 ukrainischen Zuschauer im Saal tanzen, singen und kreischen.

Foto: Travellenka

Souvenirs oder Gedenken? Auf dem Maidanplatz lebt die

Erinnerungskultur an die Revolution.

Bei den Workshops für Schüler lernen Till und Felix Neumann viele Leute kennen.

Die sozialen Probleme des Landes sind

erkennbar: arme Alte in Kiew

Nach dem Konzert im Moulin Rouge in Dnjepropetrowsk werden Selfie-Wünsche

erfüllt. Obwohl die Technik streikte, war die Begeisterung groß.

Fotos: Neumann

Blick auf den Maidanplatz: im Hintergrun

d das Hotel, in dem alles

begann – und das schließlich Endstation wa

r.

In  der  Ukraine  leben  fast  46

Millionen Menschen, 2,7 Mil-

lionen  davon  in  der  Haupt-

stadt  Kiew.  Staatssprache  ist

Ukrainisch. Im Süden und Os-

ten  wird  aber  vor  allem  Rus-

sisch  gesprochen.  Bei  der

Orangen  Revolution  kam  es

2004 im Zuge der Präsident-

schaftswahl  zu  friedlichen

Protesten  wegen  mutmaßli-

cher  Wahlfälschungen.  Im

Winter  2013/2014  verwei-

gerte  Präsident  Viktor  Janu-

kowitsch  die  Unterzeichnung

eines  Assoziierungsabkom-

mens  mit  der  EU.  Daraufhin

gab es blutige Auseinanderse-

tungen  auf  dem  Maidanplatz

in  Kiew.  Mitte  Februar  2014

starben  dabei  innerhalb  von

48  Stunden  mindestens  88

Menschen. Die Halbinsel Krim

im Süden gehört völkerrecht-

lich  weiter  zur  Ukraine,  wird

aber  von  Russland  kontrol-

liert. In der Ostukraine gibt es

seit Anfang 2014 bewaffnete

Auseinandersetzungen.  Seit

25. Mai 2014 ist der Oligarch

Petro  Poroschenko  Präsident

des gespaltenen Landes.

Ukraine – gespaltenes Land

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